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Von Basaren und Strassenräubern So, 13.5.2001
Liebe Leser,

endlich habe ich das Ziel erreicht, Tanger das Einfallstor nach Marokko.

Am dritten Tag nach dem Überfall in Malaga gehts mir insoweit wieder gut, dass ich die letzten beide Etappen nach Algeciras in Angriff nehmen kann. Die Fahrt verläuft zunächst auf den vierspurigen Autobahnen rings um Torremolinos und Marbella. Erste Tagesetappe ist San Pedro de Alcantara, das noch zum Erweiterungsbereich von Marbella gehört. Der zweite Tag verläuft wieder etwas bergiger über San Roque an Gibraltar vorbei.
Algeciras ist eine reine Hafenstadt, deren Infrastruktur ganz darauf abgestimmt ist. Ich finde in der Altstadt ein günstiges Quartier (Hostal Lisboa). Der Besitzer erzählt, dass er vor vielen Jahren in Wertheim in Deutschland gearbeitet habe. Daher kennt er Mainz, meine Geburtsstadt.
Am nächsten Tag nehme ich die Schnellfähre nach Ceuta, weil nur die das Fahrrad noch kostenlos mitnimmt. Von dort ist es eine Tagesetappe an der Küste der Meerenge nach Tanger. Ceuta ist eine noch sehr spanische Stadt. Die Basarmentalität zeigt sich schon in vielen Verkaufsläden auf den Straßen und in Hauseingängen. Bei meiner Nachmittagserkundung umrunde ich zuerst die Halbinsel, von deren Spitze man eine unvergleichliche Sicht auf Gibraltar und die andalusischen Berge hat. Auf dem Weg zur Erkundung des Grenzübergangs dann die erste Ueberraschung: Aus einem vorbeifahrenden Auto beschießen mich Jugendliche mit einem Blasrohr, treffen mich direkt an der Wirbelsäule. Außer einer leichten Schwellung keine Verletzung, schwerer wiegt der Schock - schon wieder ein Angriff...
Am nächsten Morgen wechsle ich zuerst den neu gekauften Vorderreifen, damit mir der nicht auch wieder geklaut wird. Gegen 11:00 Uhr bin ich an der Grenze: Ein undurchdringliches Menschengewirr versperrt den Zugang. Ich halte mich hinter einem Auto, das hupend Bahn schafft. Nach einer Geduldsprobe beim Abholen des Visumsstempels im Pass wird mir der Schlagbaum geöffnet. Ich brauche nicht durch die Zollkontrollen der marokkanischen Händler und Schmuggler.
In der Grenzstadt - sie gleicht einem Heerlager von Taxifahrern - die erste Überraschung: die geplante Küstenstraße ist gesperrt. Ich frage einen Polizisten, der mir erklärt, dass die Straße umgebaut wird - die Durchfahrt sei zu gefährlich. Als ich hartnäckig bleibe, lässt er mich schließlich doch fahren. 30 km Baustelle, von gut befahrbarer Piste bis zu frischen Sprengarbeiten erwarten mich. Dafür entschädigen herrliche Blicke über das Küstengebirge und zurück nach Ceuta und ein 600 m hoher Pass. Ganz oben will ich gerne Mittagspause machen, da überrascht mich ein auf den Felsen kauernder Jugendlicher der durch Gesten zu verstehen gibt, dass er gerne etwas zu Rauchen hätte - also weiter. Ein Geländewagen aus Ceuta überholt mich, dreht 100 m vor mir und fährt zurück, mich neugierig begutachtend. Im Schutz eines Betonröhrenstapels finde ich schließlich ein sicheres Plätzchen, das von der Straße her nicht einsehbar ist - man kann sich in eine Röhre sogar zum Mittagsschlaf ausstrecken...
Der zweite Teil der Strecke ist bereits gut ausgebaut. Jugendliche lungern ab 16:00 Uhr (18:00 Uhr MEZ) an den Straßenrändern, grüßen provozierend in spanisch oder englisch, zwei rennen eine Strecke hinter mir her, bis ich bergab zu schnell werde...
In Tanger muss ich durch die armen Vorstadtbezirke: Nur geradeaus schauen. Schon der Blickkontakt mit den am Straßenrand Stehenden ermuntert zum Anmachen.
In der Stadt suche ich - wie so oft vergeblich - die Adresse der JH. Plötzlich - mitten im Gewühl der Hauptstraße - steht ein englischsprechender "Engel" neben mir und führt mich zum Hotel "Anjou", wo ich fur 136 Derhams (=27 DM) ein großzügiges Zimmer mit eigenem Bad finde. An diesem Abend finde ich sogar noch eine Wechselstube, die meinen deutschen Geldvorrat in Derhams wechselt. Ich möchte nicht schon wieder neues Geld mit der VISA-Karte holen.

Heute möchte ich die Stadt erkunden. Zuerst zum Hafen. Wie Kakerlaken huschen die Kinder zwischen den abgestellten Lkws hindurch, schlupfen durch Gitterzäune in abgesperrte Bereiche. Hilflos pfeifend versucht ein Polizist (allein...) sie zu vertreiben. Ich wage mich in die Medina, die abgemauerte Altstadt. Dort beginnt um 10:00 Uhr das Basartreiben. Die Läden öffnen gerade - eine angenehme Atmosphäre. Ich finde die spanische Kathedrale: katholischer spanischer Gottesdienst mitten im moslemischen Marokko. Zum Lesen des Marokkoführers setze ich mich an den breiten Strand. Dort werde ich tatsächlich in Ruhe gelassen (außer einiger aufdringlicher Beobachter...).
Der Weg zur Kashba und Moschee wird von vielen gutgemeinten Zurufen begleitet, die mir den Weg weisen wollen. Auf der Aussichtsterrasse zum Hafen hin erwischt mich wieder eine Kinderhorde. Der Jüngste, kaum 5 Jahre alt, greift in meine Tasche. Als ich die Hand sanft wegschlage, zeigt er mir, dass er mit einer Stecknadel bewaffnet ist...
Ich suche gegen 16:00 Uhr den neuen Bahnhof, der jetzt außerhalb der Innenstadt liegt. Auf der Ausfallstraße zum Flughafen überholt mich ein 10-Jähriger mit seinem Fahrrad, wird dann langsamer und fährt merkwürdige Schlangenlinien vor mir, sodass ich ihn nicht wieder überholen kann. Ich weiche in eine Straßenverbreiterung nach rechts aus und bremse. Da bemerke ich, dass bereits ein Verfolger hinter mir war. Da sich beide ertappt fühlen, biegen sie in die nächste Seitentraße ein. Ich fahre weiter, bei dichtem Verkehr. Beim nächsten Ampelstopp sind die beiden wieder hinter mir. Mir reichts jetzt - ich kehre um. In Gegenrichtng startet dabei wieder einer mit schnellem BMX- Rad. Bei Rückenwind und ohne Gepäck kann ich ihm aber entkommen, indem ich auch bei roten Ampeln weiterfahre, wo das gefahrlos möglich ist.
Morgen starte ich einen letzten Versuch zum 19 km entfernten Cap Spartel am Eingang zum Atlantik (ohne Gepäck). Wenn auch morgens diese Verfolgungsjagden nicht aufhören, dann erwäge ich, die Tour aus Sicherheitsgründen abzubrechen. Ansonsten bleibt mir die Chance immer sehr früh zu starten. Wegen der Zeitverschiebung um 2 Stunden ist es hier schon um 6:00 Uhr hell. Ab 16:00 Uhr darf ich dann nicht mehr auf der Straße sein.

Zu allem Überfluss haben mir die beiden Marokko-Radler, die ich in Spanien getroffen habe, bestätigt, dass die Gefahr vor allem von den Kindern ausgeht: Im Rif- Gebirge ist der eine mit Steinen beworfen worden, weil er kein Backschisch zahlen wollte. Ein drahtiger Angehöriger der französischen Armee hat sich schließlich einen hölzernen Schlagstock zugelegt, um sich der diebischen Kinderhände in den Dörfern zu erwehren...

Grüße mit gemischten Gefühlen

Joachim Heidinger


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