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Über die Aggresivität marokkanischer Kinder Do, 17.5.2001
Liebe Leser,

es ist vollbracht...
Die 120 km von Larache nach Kenitra 40 km vor den Toren von Rabat bin ich ohne Pause durchgefahren außer 5 Minuten zum Austreten und Trinken.

Start ist morgens um 6:00 Uhr. Leider zwingt mich 5 km hinter Larrache der Abriss des zweiten Schaltzuges zu einer einstündigen Reparaturpause. Noch kann ich unbehelligt am Wegesrand mein gesamtes Gepäck abladen und den - zu kurzen Zug für hinten - nun vorne einbauen. Es herrscht Rückenwind aus Nordwesten, die Morgentemperatur liegt bei 11 Grad, Nebelschwaden ziehen durch die Straßen, die Sonne ist meist von Wolken verhüllt - gutes Wetter zum Radfahren. Um 15:00 Uhr bin ich beim Mittagessen auf dem Balkon des Hotelzimmers.

Alle vorhergesagten Schecknisse mit marokkanischen Kindern sind eingetreten: Selbst morgens um 10:00 Uhr, wenn eigentlich Schule ist, treiben sich Horden von Kindern auf den staubigen abgegrasten Steppenflächen um und in den Dörfern herum. Sobald sie mich sehen, beginnt das Spiel mit der scheinheiligen Begrüßung " Bonjour, ca va". Dann rennen sie auf die Straße, mir den Weg abzuschneiden. In ihren Augen erkennt man die Lust, ein wildes Tier zu hetzen. Wenn sie mich so nicht erwischt haben, rennt einer hinter mir her, versucht mich einzuholen und am Gepäck festzuhalten.
In einem Fall half nur herzhaftes Schreien, den Angreifer abzuschütteln, in einem anderen zerfetzte der Angreifer die Plastiksäcke, in die mein Schlafsack eingehüllt ist. Was mich besonders erschreckt, ist die Scheinheiligkeit, mit der sie mich begrüßen und zum Anhalten auffordern. Im selben Augenblick grabschen sie nach dem Gepäck.
Ein frustrierter Angreifer verfolgte mich anschließend mit einem Steinwurf. Andere reihen sich an der Strasse auf, um im passenden Augenblick, wenn ich an ihnen freundlich grüßend vorbeifahre, einen Stein zwischen die Räder zu schieben, in der Hoffnung dass ich stürze.
Ich fühlte mich teilweise wie in einem Videospiel, wo hinter jeder Kurve, hinter jedem Baum ein Angreifer hervorkommen kann, der mich zu Fall bringen will. Nur es war life und ich völlig wehrlos. Eine Panne hätte das Aus bedeutet. An eine Pause war bei dieser latenten Bedrohung nicht zu denken.
Die Erwachsenen dagegen sind mir erstaunlich freundlich begegnet, aufmunternd zum Teil, wie ich es in der Einsamkeit Argentiniens immer erfahren habe. Die Jugendlichen denken sofort ans Betteln: Zigarette, was zu essen, Geld... Aber sie reagieren nicht aggressiv, ausser dass sie hinter mir her fluchen - zum Glück verstehe ich kein Arabisch...
So wenig wie möglich Leute anschauen, nur geradeaus, soweit es die Kräfte mitmachen, führt schließlich doch zum rettenden Hotel "La Poste" in Kenitra.
Dabei ist die Nebenstraße, die parallel zur neugebauten ( und fast leeren) Autobahn an der Küste entlang nach Kenitra führt wunderschön zum Radfahren. Es geht durch fruchtbare Felder, durch Eukalyptuswälder, immer gut asphaltiert aber so gut wie ohne Verkehr. Die Dörfer sind meist Streusiedlungen. Jeder baut seine Hütte wie und wo er will. Vielfach besteht die Hütte nur aus zusammengesuchten Blechteilen, Holz und Gewächshausfolie. Es gibt meist keinerlei Infrastruktur. Eine zentrale Wasserstelle, keinen Strom, keine Abwasserentsorgung. Und 100 m neben dem Dorf ist die hochmoderne Autobahn gebaut, hinter Betonmauern zum Schutz vor Betreten durch Menschen. Dass diesen Menschen die Verteilung der Güter ungerecht vorkommt, braucht nicht zu erstaunen. Wahrscheinlich sehen sie in mir einen Goldesel, der etwas von dem Gold der Touristen zurücklassen soll.

Andererseits wird auf den Feldern eine moderne Landwirtschaft betrieben, mit Gemüse- und Obstbau (Erdbeeren, Bananen in riesigen Plastikgewächshäusern) und künstlicher Beregnung. Nur wenig wird jedoch - wie in Spanien - die Chance genutzt, früher am Markt zu sein, als die Europäer. Die meisten Felder sind in einer Wachstumsphase, wie man sie auch in der Vorderpfalz jetzt finden würde.
Gleichzeitig überascht immer wieder die Diskrepanz zwischen den einzelnen Bauern. Während der eine gerade mit dem Pferdegespann einzelne Furchen zieht, mäht der andere gerade mit dem "Deutz Fahr" Mähdrescher sein Getreide. Sehr oft ist ein Esels- oder Pferdegespann das einzige Fahrzeug, die Tiere sind oft in einem bedauernswerten Zustand. Andere bewegen sich im Mercedes-Lieferwagen... Ein Obstbauer hat sein gesamtes Anwesen uneinnehmbar mit einer Mauer umgeben. Nur mit einer Wechselsprechanlage ist Zutritt möglich. Vor den Toren ist ein kleiner Park angelegt. Auch so ist Reichtum in Marokko möglich.
Kenitra ist eine moderne Großstadt. Wenn man den "Müllgürtel", der die Stadt im Norden umgibt (eine Müllhalde ist so angelegt, dass der Westwind alle leichten Teile in der Umgebung verteilt...) und den übelriechenden Fluss überquert hat (eine Papierfabrik versucht sich im Recycling), kommt man in eine freundliche Stadt mit breiten grünen Straßen und vielen Cafes. Die Maghreb-Bank hat sich einen Moschee-ähnlichen Palast an die Straße gebaut, das Rathaus ist völlig neu, McDonalds hat das ehemalige Europa-Hotel (19. Jhdt) übernommen, der Bahnhof ist nach französischem Vorbild neu gebaut, besitzt S-Bahn-Verbinding nach Rabat und zum Flughafen.
Am Busbahnhof lernt man die andere Seite kennen: Auf den Bürgersteigen wird alles verkauft, was nicht niet- und nagelfest war, nur alte gebrauchte, zum Teil beschädigte Teile aus Wasserarmaturen, Auto, Fahrrad, Radio, Fernsehen usw.
Es sind die Extreme, die mich so überraschen, in so geringem Abstand voneinander...
Morgen will ich dann in die Hauptstadt Rabat fahren, nur auf der Hauptverkehrsstraße, sodass Straßenkinder kein Cance haben dürften. Dennoch lege ich die Strecke wieder sicherheitshalber vormittags zurück.

Grüße aus Kenitra, einem Land der großen Armutsgegensätze

Joachim Heidinger


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