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3. Tag: Schöntal - Dinkelsbühl (100 km)
So, 22.04.2007


Erst um 9:00 Uhr bin ich beim Frühstück in der Gaststube. Die Mutter des Gastwirtpaares bereitet ein üppiges Frühstück mit einer großen, garnierten Wurst- und Käseplatte. Meine Frage nach dem Radweg bis Crailsheim kann sie nicht beantworten: Sie sei noch nie über Dörzbach hinaus gekommen !

Um 10:00 Uhr starte ich wieder mit bepacktem Fahrrad in die sonntägliche Frühlingsidylle. Hier ist die Hektik des deutschen Alltags noch nicht hereingebrochen. Von den Hügeln rufen die Kirchenglocken zum Sonntagsgottesdienst.

In Dörzbach führt der Weg vorbei am Heuhotel. Die Wirtin grüßt freundlich, als hätte sie mich erkannt als den Klassenlehrer, der vor zwei Jahren mit seiner 8. Klasse die Klassenfahrt hier verbrachte.

Am Bahnhof Dörzbach hat sich seit damals nichts getan: Noch immer liegen keine neuen Gleise - ein frustrierendes Bild.

Ab Dörzbach ist der Jagsttalweg nun neu für mich. Er wechselt immer öfter auf die - kaum befahrene - Jagsttalstraße. Auch diese ist idyllisch von blühenden Obstbäumen gesäumt - wie im Bilderbuch zum Thema Frühling.

Kurz vor Langenburg ist die Talstraße offiziell gesperrt. Ich mogle mich durch und lande bei einem Oldtimer-Rennen: Sehr laute PS-Boliden aus den 60iger Jahren jagen den Berg hoch von Bächlingen im Tal in die Altstadt von Langenburg auf dem Berg. Ich laviere mich durch die Eintrittssperren hindurch und komme unbehelligt wieder auf den Talweg nach Nesselbach.

Dort lege ich Mittagspause ein an einem Picknick-Tisch. Ein neben mir parkender Wohnmobilfahrer fragt mich, wohin ich mit dem vielen Gepäck will. Er staunt nicht schlecht, als ich ihm zunächst Istanbul als Ziel angebe.

Hinter Hessenau endet der Talweg.Ein lanfger Anstieg auf der Straße führt auf den Kamm nach Leofels. Die Straße bleibt jetzt weitgehend oben und führt über Dörrmenz und Lendsiedel nach Kirchberg. Diese Stadt grüßt schon von Weitem mit ihrer auf dem Berg stehenden Schloss. Hier oben ist eine malerische Altstadt rings um das Schloss gruppiert. Das Schloss beherbergt heute ein Altenheim der evangelischen Kirche. Auch die ehemalige Schlosskirche ist heute evangelisch. Sie wurde um die Jahrhunderwende von einer Barockkirche in eine strenge Jugendstilhalle umgebaut. Der touristenführer in der Kirche bemerkt zum Schluss seiner Ausführungen, dass die Leute hier weder katholisch noch lutheranisch sind - sondern "hohenlohisch". Das Fürstengeschlecht der Hohenloher hat hier wohl sehr bürgerfreundlich regiert und den Grundstein für die schwäbische Ethik von Fleiß und Intelligenz gelegt. Ich bin hier im Landkreis Schwäbisch Hall: "Auf diese Steine können Sie bauen..."

Von Kirchberg geht es nochmals sanft aufwärts nach Crailsheim. Crailsheim ist eine geschäftstüchtige Einkaufsstadt. Viele historische Häuser sind in moderne Geschäfte umgewandelt. Autos dürfen die gesamte Innenstadt nutzen. Die Fußgängerzone beschränkt sich auf den Marktplatz.

Da meine Getränke zur Neige gehen - es ist Sonntag - leiste ich mir eine dicke 2-Liter-Flasche Pepsi an der Tankstelle.Auch hier ist Bier billiger als Wasser ! Gestärkt starte ich zur letzten Etappe über die Wasserscheide von Jagst und Altmühl, d.h. von Rhein und Donau. Sie liegt hier nur etwa 500 m hoch.

Auf einer stark befahrenen Landstraße radle ich nach Dinkelsbühl. Das sind nur noch 22 km von Crailsheim, führt aber ins Donaugebiet und - nach Bayern. Jenseits der Landesgrenze begleitet ein gut asphaltierter Radweg die Landstraße und führt direkt in die historische Altstadt von Dinkelsbühl.

Mein erster Weg führt zur Jugendherberge - eingerichtet in einem ehemaligen Hospiz. An der Tür prangt "Heute geschlossen", also suche ich weiter. In den Hotels an der Hauptstraße kosten Zimmer zwischen 50 und 60 Euro. Das ist mir zu viel.

Ich will schon aufgeben und zum Campingplatz radeln. Vor dem Tor frage ich nochmal bei einem kleinen Gasthof. Der hat zwar keine Zimmer mehr. Der Wirt ruft aber bei der Privatzimmer-Vermieterin Frau Walter in der Russelberggasse 13 an. Hier kann ich schließlich für 23 Euro incl. Frühstück übernachten.

Den Abend genieße ich zu Fuß in der von der letzten Abendsomne beleuchteten geschlossen historischen Altstadt. So gut wie jedes Haus ist mittelaltergemäß restauriert. So sah eine reiche Handelsstadt im deutschen Mittelalter aus.

Mit einer Pizza für 4 Euro kehre ich zurück und genieße das Abendessen im Zimmer mit dem letzten Becher Pepsi zur Pizza.


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